Superstadt!
Symposium zur Zukunft der Stadt
REVOLTE

12 Oktober 2017
17.00–22.00
Domgasse 1, EG, 4020 Linz

EINTRITT FREI!

Mit Beiträgen von

Matthias Anton, Projektemacher, drittklassiger Zauberer und Kulturagent, D
Ellen Bareis, Soziologin, D
Jacob Bussmann, Chorleiter, D
Lars Moritz, Performancekünstler, A/D
Sabine Pollak, Architektin, A
Pier Paolo Tamburelli, Architekt, baukuh, I
Jörg Thums, Performancekünstler, D
Oxana Timofeeva, Chto Delat, Philosophin, RUS

und Studierenden der Kunstuniversität Linz

Moderation: Otmar Wagner, Performancekünstler, A
kuratiert von Sabine Pollak und Lars Moritz

Grafik: Hannah Zora Buschek

Superstadt! Revolte

Seit es Städte gibt, gibt es auch urbane Aufstände. Städte schaffen Räume, um sich zu versammeln (Plätze und Parks), und mit den Zentren der Macht (der Büroturm, das Gerichtsgebäude) zugleich reale Angriffspunkte für ein Aufbegehren. Vor allem aber liefern die urbanen Lebensverhältnisse oft genug den Anlass: der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, die alltägliche Erfahrung rassistischer Gewalt, die überteuerten Güter des täglichen Gebrauchs. Und irgendwann reicht es dann. Revolten und ihr entschiedener Einspruch gegen die herrschenden Verhältnisse führen nicht immer zu etwas und oft genug nicht zu Besserem. Immer jedoch markieren sie einen Augenblick, in dem die gesellschaftliche Zeit für einen Moment außer Kraft gesetzt wird (weshalb man Aufständischen nachsagt, immer zuerst auf die Uhren zu schießen). Ein Dissens wird artikuliert, der Gang der Dinge wird unterbrochen, und die Zukunft erscheint wieder als Zeit, in der alles möglich ist. Und der Austragungsort Stadt öffnet sich temporär dieser Zukunft. Räume werden ange- oder enteignet, Maximen werden ausgerufen und neue Lieder angestimmt. Revolten beginnen auf Straßenniveau (Barrikade) und enden dort, wo die Macht verortet ist, also meist hoch oben. Castro und Che Guevara organisierten die Revolution im Dschungel, verkündet haben die beiden Herren sie in der gläsernen Penthouse-Suite am Dach des schicken Hotels Havanna Libre.

SUPERSTADT 2017, DIE REVOLTE! widmet sich urbanen Aufständen und deren Einfluss auf städtische Räume. ArchitektInnen zeigen Revolutionsarchitektur und UrbanistInnen Orte, an denen Revolten ausbrechen. Stadtguerilleras vermitteln praktische Tipps, KünstlerInnen interpretieren den Aufstand, und die Kultur- und Medientheorie reflektiert das Ganze. Vorträge, Lecture Performances und in Videointerviews zugeschaltete TheoretikerInnen der Revolte werden von einer empathischen Moderation und Revolutionsliedern aus allen Epochen begleitet. Denn wie heißt es so schön: „Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“ Und ist es nicht SUPERSTADT!

Programm

Programm

17.00 Begrüßung

17.30 Sabine Pollak, Architektin, A
Revolutionsarchitektur? Ja, komm, das machen wir!
Was ist Revolutionsarchitektur? Was hat Architektur überhaupt mit Revolten zu tun? Sehr viel, so meine ich. Städte werden gebaut, gestürmt, verteidigt oder niedergebrannt, Barrikaden werden errichtet und manches Mal ist es einfach eine bestimmte Form, mit der man die Revolution assoziiert. Eine aktuelle Architektur der Revolte muss allerdings erst gefunden werden, vielleicht ja am Abend des Symposiums Superstadt, das sich rund um diese Fragen dreht, im Jahr 2017, wenn sich die Revolutionen jähren.

18.00 live zugeschaltet: Auguste Blanqui

18.15 Ellen Bareis, Soziologin, D
Stadt und Revolte – Neue Interferenzen in der neoliberalen Krise Europas
Die Einschätzungen verschiedener urbaner Ereignisse des letzten Jahrzehnts gehen weit auseinander. Seien es die Aufstände in den französischen Banlieues 2006 oder die England Riots 2011, die Aktionen des Blockupy-Netzwerks 2012, 2013 und 2016, die Hamburg-Proteste während des G20-Gipfels oder die Aktionen der Geflüchteten an den Grenzen und in den Städten Europas. Handelt es sich um puren Aktionismus, spasmodische Aufstände, soziale Bewegungen? Es braucht verschiedene analytische Ebenen um das Auftauchen dieser heterogenen politischen Subjektivitäten in den letzten zehn Jahren im Kontext der neoliberalen Krise zu untersuchen. In meinem Beitrag werde ich den Interferenzen – den Zwischentönen, Modifikationen und Brüchen – zwischen den Artikulationsformen urbaner Revolten im beginnenden 21. Jahrhundert nachgehen.

19.00 Jacob Bussmann, Chorleiter, D/Jörg Thums, Performancekünstler, D
Revolutionslieder: Chorprobe für den Aufstand I
„C'est la lutte finale, groupons-nous, et demain, l'Internationale c'est la genre humain“ - 1871, nach der Niederschlagung der Pariser Commune, verfasst der Transportarbeiter und Dichter Eugène Pottier diese Zeilen, später werden sie vom Drechsler und Chorleiter Pierre de Geyter vertont. Voller kollektivem Pathos wird an den emanzipatorischen Moment der Commune erinnert und die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft affirmiert. Wie ist es, heute Revolutionslieder zu singen? Wir wenden uns mit bescheidener Distanz dem Notentext, der eigenen Stimme, der Organisation von Mehrstimmigkeit zu und erproben, was ein Chor 2017 sein kann.

19.30 Oxana Timofeeva, Chto Delat, Philosophin, RUS
Resurrection and Insurrection: The Storm of the Winter Palace?
(Film screening and talk)
For St.Petersburg, the year 2017 is special: the city prepares to celebrate a centenary of the Russian October Revolution. The reception of this date in Russian society is ambiguous. Some people consider this event to be an absolute evil that should never repeat; others, on the contrary, demand repetition. If the event was a tragedy, what kind of farce would comprise such repetition? We went on Dvortsovaja Square, the place where it happened 100 years ago, in order to experience our historical heritage in film, to feel the weight of the past with our own bodies.  

20.00 live zugeschaltet: Walter Benjamin

20.15 Pier Paolo Tamburelli, Architekt, baukuh, I
baukuh, public buildings
Contemporary architecture does not produce public space. Contemporary architects do not even care anymore. In a society that presumes “there is no such thing as society”, nobody asks for public space. Collectively we have lost any idea of what that might mean, to the point where “public space” now seems to amount to nothing more than a few wooden benches in assorted colors + a few plant pots to practice the activity that goes by the name of “urban agriculture” + a few square meters of dirty grass where your dog can conclude its daily walkies. As an activity, “designing public space” seems to lie somewhere between an act of charity and a hobby; in any case it has become something irrelevant, necessarily weak, always temporary. Boy-scouts are in charge of it. The limit of our ambition, when we talk of “public space”, is a “feel-good story”.

20.45 Jacob Bussmann/Jörg Thums
Revolutionslieder: Chorprobe für den Aufstand II

21.00 Lars Moritz, Performancekünstler, A/D
Mit Gewehr und Gießkanne: Das Konzept Stadtguerilla
Guerilla-Gardening, Guerilla-knitting, Gourmet-Guerilla: Die Stadtguerilla ist heute mit Gießkannen, Stricknadeln und Kochlöffeln bewaffnet. 1960 dagegen war Che Guevara noch der Meinung, eine Guerilla-Gruppe bräuchte „ein, zwei Schnellfeuerwaffen und Pistolen für die übrigen“, außerdem „gute Sägen, große Mengen an Dynamit, Brechstangen und Spaten, Gerät zum Lösen von Eisenbahnschienen“. Was ist da nur passiert? Ausgehend von Carl Schmitts „Theorie des Partisanen“ und mit Hilfe eines digital simulierten analogen Flipcharts sucht die Lecture-Performance nach dem Konzept Stadtguerilla für gestern, heute und die Zukunft.

21.15 Matthias Anton, Projektemacher, drittklassiger Zauberer und Kulturagent, D
Die heterotopische Barrikade
1849, in Dresden, soll Michael Bakunin den Aufständischen vorgeschlagen haben, die Madonna von Raffael aus der Städtischen Galerie vor die Barrikaden zu hängen und sich mit ihnen vor den Preußen zu schützen, die zu klassisch gebildet seien, um auf Raffael zu schießen …
Auf der Barrikade revoltieren die Dinge ganz praktisch gegen ihre Tauschwerte. Auf der Barrikade verhandeln die Dinge ihre Verhältnisse zueinander aufs Neue. Die Barrikade verbindet die heterogenen Materialitäten auf gänzlich unvorhersehbare, kontingente, prekäre Weise – als Körper der Revolte.

22.00 Jacob Bussmann/Jörg Thums
Revolutionslieder

anschließend Party!

Ausstellung
Die Freiheit auf den Barrikaden.
Entwürfe für Barrikaden in Linz nach dem Vorbild berühmt-berüchtigter Architekt_innen. Von Studierenden der Architektur an der Kunstuniversität Linz.
Leitung: Sara Hammer, Lars Moritz

Vortragende

Vortragende

  1. Vortragende

    Sabine Pollak

    studierte Architektur in Graz, Innsbruck und Wien, promovierte 1995 mit der Arbeit "Programme und Strategien in der Architektur" und habilitierte sich 2003 mit dem Buch "Leere Räume. Wohnen und Weiblichkeit in der Moderne". Sie leitet gemeinsam mit Roland Köb das Architekturbüro Köb&Pollak Architektur in Wolfurt und Wien und arbeitet in den Bereichen Urbanistik, Wohnbau, Architekturtheorie und Genderforschung. Sabine Pollak unterrichtete als Gastprofessorin an verschiedenen internationalen Universitäten und leitet seit 2008 als Professorin den Bereich Architektur und Urbanistik an der Kunstuniversität Linz.  Foto: Roland Köb

  2. Vortragende

    Ellen Bareis

    studierte Gesellschaftswissenschaften in Frankfurt am Main und promovierte 2005 mit der Arbeit „Verkaufsschlager. Urbane Shoppingmalls – Orte des Alltags zwischen Nutzung und Kontrolle“. Sie ist Professorin mit dem Schwerpunkt „Gesellschaftliche Ausschließung und Partizipation“ an der Hochschule Ludwigshafen am Rhein. Themenschwerpunkte: Transformationen des Städtischen, Alltag und soziale Kämpfe, Produktion des Sozialen from below, Organisationsforschung, (Nicht-)Nutzungsforschung.

  3. Vortragende

    Jacob Bussmann

    erhielt seine musikalische Ausbildung an der Musikhochschule Frankfurt und der Sibelius Akademie Helsinki und studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Giessen. Er tritt als Pianist und Performer auf und leitet seit der Arbeit an Brechts Die Maßnahme (2012) niedrigschwellige linke Laienchöre.

  4. Vortragende

    Jörg Thums

    studierte Soziologie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt und Paris. Als Performer und Szenarist arbeitet er in den Feldern szenischer Essayismus, Interventionismus und partizipativ-performative Kunst.

  5. Vortragende

    Oxana Timofeeva

    is an Assistant Professor at the European University in St. Petersburg, a senior research fellow at the Institute of Philosophy of Russian Academy of Science (Moscow), a member of the artistic collective "Chto Delat?" ("What is to be done?"), a deputy editor of the journal "Stasis", and the author of books History of Animals: An Essay on Negativity, Immanence, and Freedom (Maastricht, 2012), and Introduction to the Erotic Philosophy of Georges Bataille (in Russian, Moscow, 2009).

  6. Vortragende

    baukuh

    was founded in 2004 and is composed by Paolo Carpi, Silvia Lupi, Vittorio Pizzigoni Giacomo Summa, Pier Paolo Tamburelli and Andrea Zanderigo. baukuh is based in Milan and Genoa. baukuh completed the House of Memory in Milan (2015) and is currently working at the restoration of the Seminar School in Hoogstraten (Belgium), at the flagship store of the Poretti Brewery in Induno Olona (Italy), at the masterplan of the Pupillen site in Aalst (Belgium) and at the strategic plan for the Student City of Tirana (Albania). Baukuh won international architecture and urban design competitions (Amsterdam 2003, Budapest 2003, Pavia 2006, Genoa 2009, Torino 2010, Hoogstraten 2013, Tirana 2015, Aalst 2016), and curated exhibitions (Padua 2006, Monte Carlo 2015, Milan 2015). baukuh took part in the Rotterdam Biennale (2007 and 2011), in the Istanbul Biennial (2012), in the Venice Biennale (2008 and 2012), and in the Chicago Biennial (2015 and 2017).
    Baukuh published “Two Essays on Architecture” (Genoa, 2012 and Zurich 2014) and “Casa della memoria” (Milan, 2016).

    www.baukuh.eu

    Pier Paolo Tamburelli

    Pier Paolo Tamburelli (Tortona, 1976) studied at the University of Genoa and at the Berlage Institute Rotterdam. Tamburelli took part in the exhibition “Mutations” (2000) and collaborated with “Domus” from 2004 to 2007. He has lectured at a number of schools and cultural institutions, including the Architectural Association, Biennale di Venezia, Cornell University, EPFL Lausanne, ETHZ Zurich, FAU São Paulo, FFAR Stockholm, IUAV Venice, Kunsthal Rotterdam, MAXXI Rome, MoMA New York, RWTH Aachen, University of California Berkeley, Tongji University Shanghai, and the Triennale di Milano. Tamburelli has taught at the PUSA Aleppo (Syria), at the Berlage Institute Rotterdam, at TUM Munich, at FAUP Porto, at University of Illinois at Chicago, and he is currently a visiting professor at the Milan Politecnico. Tamburelli is one of the founders and editors of the architectural magazine “San Rocco”.

  7. Vortragende

    Lars Moritz

    ist Performance-Künstler und experimenteller Stadtforscher. 2010 gründete er das Institut für Alltagsforschung, eine Plattform für künstlerische Recherchen und direkte Aktionen im urbanen Alltag. Er erfand die Wissenschaft der radical bionics, die über die subversive Aneignung tierischer und pflanzlicher Strategien nachdenken. Mit Otmar Wagner produziert er das Nachrichtenjournal AKTION AKTUELL (Winner Civilmedia-Award 2017). Gemeinsam mit dem Kollektiv irreality.tv dreht er partizipative und interventionistische Webserienprojekte, zuletzt Port of Call im Hamburger Hafen.

    www.alltagsforschung.org
    www.irreality.tv

  8. Vortragende

    Matthias Anton

    Projektemacher, Performer, drittklassiger Zauberer. Noch früher Sinologe. Entwickelt und realisiert mit dem Performance-Kollektiv geheimagentur groß angelegte partizipative Projekte: eine Kopistenwerkstatt in China, ein Spielcasino in Graz, eine Bank und ein Wettbüro in Oberhausen, eine Sideshow auf dem Hamburger Dom und einen öffentlichen Anleger im Hamburger Hafen. Lehraufträge zuletzt an Universität Hamburg // Performance Studies und Hafen City University. Seit 2016 ‚Kulturagent für kreative Schulen‘. Aktuelles Forschungsgebiet: Schwerkraft leichtgemacht – über Wasser laufen für Anfänger.

Info

EINTRITT FREI!
Und Essen und Getränke gibt es auch.

12 Oktober 2017
17.00–22.00
Domgasse 1, EG, 4020 Linz
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Univ.Prof. Dipl.Ing. Dr. Sabine Pollak
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